Zusteller sollen länger arbeiten - In zwei Jahren keine eigenen Filialen mehr
Nürnberg - Die Briefsparte der Deutschen Post AG soll umgekrempelt werden. Damit die Beschäftigten mitziehen, reist das Top-Management durch das Land und erklärt den Briefträgern, warum sie für den gleichen Lohn künftig länger arbeiten sollen. Wir trafen in Nürnberg den Bereichsvorstand Vertrieb, Christian Stiefelhagen. Der Manager hat die Mitarbeiter in der Kantine des Paketzentrums versammelt. Statt 38,5 sollen sie 40 Stunden pro Woche arbeiten. Anfangs schlagen die Emotionen hoch: «Immer wird bei uns kleinen Leuten gespart, und die Manager schleppen die Millionen ab», ruft einer. Stiefelhagen hält dagegen: Der Post-Vorstand verzichte auf Boni und die übrige Führungsriege auf eine Erhöhung ihrer Bezüge. Niemand bleibe vom Sparkurs ausgenommen.
Zusteller am Ende
Eine andere Stimme wirft ein, die Zusteller seien schon jetzt am Ende ihrer Kräfte, noch mehr Belastungen seien ihnen nicht zuzumuten. Der Vertriebschef aus Bonn sagt, er wolle die Arbeitsbedingungen nicht verschlechtern. 80 Prozent der Zusteller würden bereits heute länger Dienst schieben - auf freiwilliger Basis und gegen Bezahlung. Doch das könne sich die Post nicht mehr leisten angesichts des bröckelnden Briefaufkommens. «Wir verlieren jeden Tag Umsatz», sagt Stiefelhagen. Der gute alte Brief hat 500 Jahre überstanden, aber jetzt verdrängen ihn die E-Mails. Insgesamt wird der Kuchen kleiner, da gleichzeitig seit der Liberalisierung mehr Firmen davon essen.
Freilich, noch hat der Ex-Monopolist im Inland 89 Prozent Marktanteil, was die Bundesnetzagentur als Marktregulierer recht kritisch sieht. Und: «Die Post macht doch Gewinn!», werfen auch die Briefträger ein, die nicht einsehen, warum sie den Gürtel enger schnallen sollen.
Kosten steigen
«Wir verlieren jedes Jahr 250 Mio. € Ertrag», während die Kosten stetig steigen. Wenn das so weitergeht, bleibt in vier Jahren gar kein Gewinn mehr übrig», sagt Stiefelhagen. Einfach abzuwarten, wäre verantwortungslos gegenüber den «190.000 Köpfen, die wir im Briefbereich beschäftigen». Das Geschäft ist personalintensiv. Bei einem Anteil von 70 Prozent an den Gesamtkosten sei dieser Posten die wichtigste Stellschraube. Ein Schritt dahin sei, die Einstiegslöhne zu senken. Die übrigen Belegschaften müssten keine Einkommensnachteile befürchten: «Wir greifen den Arbeitnehmern nicht in die Tasche.» Ein «kleiner Inflationsausgleich» solle auch künftig drin sein, die kommende Tariferhöhung will der Arbeitgeber jedoch verschieben. In Einzelgesprächen, so Stiefelhagen, erlebe er bei den Mitarbeitern große Offenheit, beim Sparen mitzuhelfen - «solange wir sichere Jobs garantieren und die Postler vor Lohnverlusten schützen».
5000 Stellen werden abgebaut
Darüber will das Management so bald wie möglich mit der Gewerkschaft ver.di verhandeln. Der aktuelle Tarifvertrag, der betriebsbedingte Kündigungen ausschließt, läuft noch bis Mitte 2011. Über Altersteilzeit, Fluktuation, Aufhebungsverträge und andere Instrumente werden in diesem Jahr wie in den vorangegangenen auch 5000 Arbeitsplätze abgebaut. Wird auch an den Kunden gespart? Das Thema ist ein Dauerbrenner: Die einen Privatkunden schimpfen über späte Zustellung, die anderen klagen, dass montags gar keine Post ausgetragen würde. Der Vertriebschef schwört Stein und Bein: «Wir stellen alles zu, was montags da ist.» Weil dies jedoch - zumal im Sommer - ein Tag mit wenig Sendungen sei, habe ein Briefträger dann noch den Nachbarbezirk zu bedienen. Neben den Zustellbezirken werden in mengenschwachen Zeiten auch Briefzentren zusammengelegt. «Fakt ist: In jeden Haushalt wird montags zugestellt. Und wir werden das weiter an jedem Werktag tun», versichert Stiefelhagen.
Einschreiben nach Uganda
Zweites Dauerthema mit Ärgerpotenzial sind die Filialen. Die Umwandlung in Agenturen oder «Verkaufspunkte», betrieben vom Handel, ist in vollem Gange. Derzeit sind unter den 14.000 Filialen noch 500 posteigene. Aber nicht mehr lange: «In zwei Jahren ist der Prozess abgeschlossen, dann werden wir gar keine eigenbetriebene Filialen mehr haben», sagt Stiefelhagen. Die befürchteten Qualitätseinbußen sind aus Post-Sicht ausgeblieben, vielmehr profitierten die Kunden von den längeren Öffnungszeiten des Einzelhandels. Kommt ein Kunde mit einem «Exotenwunsch wie dem Einschreiben nach Uganda», kann die Mitarbeiterin eine Hotline um Anleitung bitten. Eine Großbaustelle auch für die Post ist der insolvente Arcandor-Konzern. Dort hat das Logistikunternehmen 3000 Beschäftigte auf der eigenen Lohnliste. Stiefelhagen: «Quelle ist grundsätzlich wichtig für uns. Wir werden alles tun, damit Arcandor und die Töchter eine Zukunft haben.» Für den Fall der Fälle seien bereits Verabredungen getroffen.
Neue Produkte
Da immer weniger physische Briefe verschickt werden, dafür Werbematerial und Rechnungen online beim Adressaten landen, testet die Post neue Produkte. Der Brief im Internet soll genauso sicher sein wie im verschlossenen Umschlag. «Wir wollen die Eigenschaften des Briefes auf die virtuelle Welt übertragen», sagt der Vertriebschef. Seit einigen Wochen prüfen 5000 Postler das neue Produkt. Anfang nächsten Jahres will die Post damit auf den Markt.
Von Angela Giese
Quelle: Nürnberger Nachrichten am 13. August 2009